Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren, mit diesem Schreiben möchten wir Sie/Euch ganz herzlich zu den 51. MATREIER GESPRÄCHEN einladen, die diesmal vom 4.–8. Dezember 2026 im Hotel Hinteregger in Matrei/Osttirol (Österreich) stattfinden werden.
Das Tagungsthema lautet:
Klasse, Rang und Status
Die Begriffe ‚Klasse‘, ‚Rang‘ und ‚Status‘ werden vornehmlich in der Soziologie und Ethologie (Tiersoziologie) verwendet, um eine Positionierung von Individuen und Gruppen anzuzeigen. Sie lassen sich damit gut im Kontext von ‚Hierarchien‘ exemplifizieren, welche bereits das Rahmenthema der 29. Matreier Gespräche 2003 bildeten. Im Kanon der damaligen Vorträge spielten sie aber eine bestenfalls untergeordnete Rolle. Dies erscheint vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Diskurses erstaunlich.
Bei allen Lebewesen, die in Gruppen leben, spielt die Position innerhalb dieser eine zentrale Rolle, da sie den Zugang zu Ressourcen bestimmt. Der Selektionsdruck auf Verhaltensweisen und körperliche Merkmale, die einen Einfluss auf die Position innerhalb der Gruppe haben ist dementsprechend groß. Im zwischenartlichen Vergleich und auch beim Menschen lassen sich unzählige Homologien und Analogien solcher Merkmale untersuchen.
In einem aktuellen Buch zum Thema wird von Hanno Sauer (2025: ‚Klasse. Die Entstehung von oben und unten‘. Piper. München) argumentiert, dass in menschlichen Gesellschaften ‚Klasse‘ die „dominante Kategorie“ ist, welche die Strukturierung der modernen Gesellschaft zwar subtiler, aber umso nachhaltiger prägt, als dies Alter, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit (der Begriff ‚Rasse‘ wird heute nur noch im ‚Rassismus‘ akzeptiert) tun: „Eine bestens ausgebildete, mit dem ‚richtigen‘ Habitus, Kleidungsstil und Akzent ausgestattete Person mit dunkler Hautfarbe kann ohne Weiteres zur gesellschaftlichen Elite gehören; eine arme, arbeitslose, ungebildete und kulturell nicht versierte Person bleibt Unterschicht, selbst wenn sie weiß und/oder männlich ist“ (ebd., 18). Unter den diskriminierenden Einstellungen werden Rassismus, Sexismus, Ableismus und Ageismus von gebildeten Leuten weitestgehend abgelehnt. Bezüglich des ‚Klassismus‘ dient in der (neo)liberalen Gesellschaft das Schlagwort der ‚Chancengerechtigkeit‘ als Feigenblatt, um Klassengrenzen nicht beseitigen zu müssen, sondern scheinbar durchlässig zu machen.
Sauers zentrale „These ist, dass soziale Klassenhierarchien durch Statuswettbewerbe ent-stehen, die mit sozialen Signalen ausgetragen werden“ (ebd., 32). Die Teilnehmer an diesen Wettbewerben verfügen a priori über unterschiedliche Anteile an den „verschiedenen Formen ökonomischen, kulturellen, symbolischen, sozialen, ästhetischen oder moralischen Kapitals“ (ebd., 10). Die Kommunikation und Rezeption ihrer ‚sozialen Signale‘ entscheidet dann darüber, „wie viel Prestige, Macht und Ressourcen“ sie als Individuum erhalten (ebd.), während die daraus resultierende Zuordnung zu ‚Oben‘ und ‚Unten‘ in Form von Status und Klassenzugehörigkeit schlussendlich ganz offenbar eine tragende Rolle beim Funktionieren der Gesellschaften spielt.
Ausprägung und Funktion dieser sozialen Ordnung in ihrer Genese und ihren Verlaufsformen einschließlich allfälliger Reliktbildungen (zum Beispiel Bildungs- versus Geldelite) sollen uns lohnende Untersuchungsansätze für die heurigen Gespräche bilden. Die Begriffe ‚Klasse‘, ‚Rang‘ und ‚Status‘ weisen selbst erhebliche Unschärfen auf und werden recht uneinheitlich verwendet. Dies mag bereits innerhalb von Disziplinen zu beobachten sein, so dass von diszi-plinübergreifend anerkannten Definitionen keine Rede sein kann. Es wäre zu begrüßen, wenn die interdisziplinär ausgerichteten Gespräche diesbezüglich etwas zur begrifflichen Ordnung beitragen könnten. Zunächst erscheint evident, dass ‚Rang‘ und ‚Status‘ auf Individuen bezogen werden können, während die ‚Klasse‘ eine umfassende Kategorie darstellt. Dement-sprechend bieten sich unterschiedliche Perspektiven (die des Individuums, der Gruppe oder Gesellschaft) als Zugang zu unserem Thema an.
Unsere Leitbegriffe können darüber hinaus für eine Vielzahl von Objektarten in unterschiedlichsten Zusammenhängen und Fachgebieten verwendet werden. Dabei ist ihnen auch vielfach eine klare Rolle innerhalb disziplinärer Begrifflichkeiten zugekommen, wie etwa in der Biologie (Taxonomie), Mathematik (Mengenlehre) und Informatik (Ontologie). Dies öffnet schlussendlich das Spielfeld für eine Fülle von analogen, inter- und transdisziplinären sowie komparativen Betrachtungen.
Oliver Bender, Bernhart Ruso
ORGANISATORISCHES:
Wer einen eigenen Beitrag in Form eines 20-minütigen Vortrages (mit anschließender 20-minütiger Diskussion) anbieten möchte, möge uns dies bitte bis zum 31. Juli 2026 mit Angabe des Themas per email mitteilen (
In diesem Sinne freuen wir uns schon zu diesem frühen Zeitpunkt im Jahr auf interessante und anregende Referate und Diskussionen bei den 51. Matreier Gesprächen im Dezember 2026.
Mit herzlichen Grüßen
Bernhart Ruso & Oliver Bender (Vorsitzender Otto-Koenig-Gesellschaft bzw. Wissenschaftlicher Leiter Matreier Gespräche)
